„Kurt hatte so einen Instinkt, immer das Richtige zu machen.“

Die junge Schauspiel-Elevin Genia Kurz in dem Stück von Gerhart Hauptmann „Und Pippa tanzt“ 1929 © Privat
Genia Kurz (Aufnahme 1930/31) © Sammlung Petra Bonavita
Nach ihrem ersten Theaterbesuch als Kind wusste Genia Kurz, was sie werden wollte: Schauspielerin. Die Begeisterung für die Schauspielerei sei wie eine Erleuchtung gewesen, erzählte die über 90-jährige alte Dame Jahrzehnte später. Mit 15 Jahren begann sie ihre Ausbildung an der Frankfurter Schauspielschule. Ihr Karriereweg führte sie dann über mehrere kleinere Theaterhäuser bis nach Berlin.

Der Intendant Heinz Hilpert holte sie 1932 an die Volksbühne. Mit Brigitte Horney und Paul Verhoeven stand Genia auf der Bühne in Gerhart Hauptmanns Tragikkomödie „Die Ratten“ (1932), und in Carl Zuckmayers „Schinderhannes“ spielte sie mit Attila Hörbiger und Camilla Spira. Hilpert hätte sie gern für weitere Aufführungen verpflichtet, aber im Juli 1934 beendeten die Nationalsozialisten ihre Karriere, indem sie die Unterschrift für eine Vertragsverlängerung der jüdischen Schauspielerin verweigerten.

Nicht nur beruflich hatte sie keine Zukunft mehr im Dritten Reich, auch einer Ehe mit ihrem Schauspielerkollegen Kurt Glass hatten die Nationalsozialisten einen Riegel vorgeschoben. Seit den „Nürnberger Gesetzen“ war eine Heirat zwischen Juden und „Ariern“ verboten. Kurt Glass war dennoch entschlossen, seine Verlobte nicht aufzugeben. Seine wenig ns-konforme Haltung war da längst aufgefallen und im Sommer 1936 war Kurt Glass der Erste der Verlobten, der nach Paris emigrierte. Genia kam am 30. Dezember 1936 als Skitouristin getarnt über die Schweiz auf illegalen Wegen zu ihm. 100 Mark Strafe bürdeten ihr die Schweizer Behörden auf und ließen Genia nach ein paar Tagen weiter ziehen. Für ein halbes Jahr kamen Kurt und Genia in Paris als „Asylanten“ in einer Villa unter, die Marie-Anne von Goldschmidt-Rothschild mittellosen Emigranten überlassen hatte. Kurt Glass ließ sich zum Gärtner umschulen und erhielt eine Stelle in einer Landwirtschaftsschule in Contamine sur Avre im Südosten Frankreichs. Kurz nach ihrer Ankunft im Juli 1937 heirateten sie, im Jahr darauf wurde ihr Sohn Michel geboren.

In der Landwirtschaftsschule stand Genia der Küche zur Verfügung. Sie schälte Kartoffeln und spülte Geschirr. Kurt betreute die Schüler während ihrer landwirtschaftlichen Ausbildung. Als er nach der Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht 1940 zum Zwangseinsatz („prestataire“) in das Lager Chambaraud kam, übernahm Genia seine Arbeit in der Schule. Da mittlerweile die Auswanderungspapiere von ihrem Bruder aus Paraguay vorlagen, konnte sie Kurt durch diese Dokumente aus dem Lager holen. Für kurze Zeit kehrten sie nach Contamine sur Avre zurück, durften aber längerfristig nicht bleiben und flüchteten im Februar 1941 nach Marseille. In einem Altersheim für Clochards stellte sich Kurt erneut als Gärtner zur Verfügung. Geld verdienten die Beiden in diesen Jahren so gut wie nie. Für Kost und Logis übernahmen sie jede Arbeit.

Als sich die Auswanderung nicht mehr realisieren ließ und auch das Leben in Marseille durch zunehmende Razzien gefährlicher wurde, wandte sich Kurt an die Hilfsorganisation „Oeuvre du Bon Samaritain“, die ihm einen Weiler in der Gemeinde Valleraugue (Gard) mit ein paar baufälligen Häusern als Zufluchtsort anboten. In Fenouillet lebten nur zwei französische Familien und ein russischer Emigrant. Nun kamen Kurt und Genia Glass mit ihrem Sohn Michel dazu. Genias Schwester Lydia Fürst und ihr Mann folgten ihnen im Mai 1942.

Ein bisschen Land, fruchtbar, aber steinig und nur per Hand zu beackern, ein geliehener Esel gegen zwei Tage Arbeit als Tagelöhner, Esskastanien, eine Ziege und ein Schwein, mussten abseits jeder Zivilisation zum Überleben reichen. In relativer Sicherheit überwinterten sie dort bis Januar 1944. Ausgerechnet der russische Emigrant erwies sich als Hitler-Sympathisant und verriet ihren Aufenthalt an die Deutschen. Am Abend des 7. Januar 1944 warnte sie der Sekretär des Bürgermeisters von Valleraugue und noch in der Nacht verschwanden sie über die Berge. Der Bürgermeister, der Sekretär und ihre Freunde im Maquis (französische Widerstandsbewegung) kümmerten sich um die Flüchtlinge. Mit Rucksäcken bepackt, den fünfjährigen Michel an der Hand und die neun Monate alte Gisèle auf dem Arm, erreichten sie nach zehn Stunden Fußmarsch Mandagout. Georges Gillier, Pfarrer und Gründer des „Maquis des CORSAIRES“, stellte ihnen falsche Pässe aus. Aus einem Schrein mit Jesusbild holte er die Blanko-Formulare heraus, und aus dem Ehepaar Glass wurden Henri und Eugenie Gautier. Das Ehepaar Fürst erhielt Papiere auf den Namen Forestier. Acht Monate lang warteten sie in ihrem neuen Versteck ängstlich auf den Tag der Befreiung durch die Alliierten und gingen Ende August 1944 nach Fenouillet zurück.

Nach der Kapitulation der NS-Regierung im Mai 1945 wollte Kurt Glass schnellstens nach Deutschland zurück. Seit Jahren war der Kontakt zu seinen Eltern unterbrochen. Mit Hilfe seines Schwagers Moritz Kurz, der als amerikanischer Soldat ihren Aufenthalt in Fenouillet ausfindig gemacht hatte, fuhr er nach Frankfurt. Als er in Bad Nauheim den Amerikanern seine Geschichte erzählte, boten sie ihm eine Stelle beim Hörfunk (damals „Radio Frankfurt“) an, die er sofort annahm. Im Juni 1946 folgten ihm Genia und die Kinder nach Frankfurt. Beim später neu gegründeten „Hessischen Rundfunk“ erhielt er umgehend eine Anstellung als Rundfunksprecher. Das Ehepaar fand in der Liebigstrasse 32 eine Wohnung. Genia Glass hat nach ihrer Rettung nie wieder auf der Bühne gestanden. Aber als ihre Enkelin Ann-Gisel Glass 1992 den Bundesfilmpreis als beste Schauspielerin in dem Film „Leise Schatten“ erhielt, fuhr sie zur Preisverleihung nach München. Genia starb im Jahr 2007 und ist auf dem Jüdischen Friedhof in Frankfurt am Main beerdigt, ihr Ehemann Kurt starb bereits 1988 bei einem Ferienaufenthalt in Valleraugue.

Im Ensemble von Heinz Hilpert an der Berliner Volksbühne 1932 © Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
In einem Stück von Gerhart Hauptmann „Und Pippa tanzt“ 1929 ©  Sammlung Petra Bonavita
Genia Kurz / Theaterprogramm
Im Ensemble von Heinz Hilpert an der Berliner Schaubühne 1932
Unterschlupf in dem Weiler Fenouillet in den Cevennen © Privat
Unterschlupf in dem Weiler Fenouillet in den Cevennen © Sammlung Petra Bonavita
Das Ehepaar Kurt und Genia Glass (Aufnahme 1937) © Dr. Michel Glass
Das Ehepaar Kurt und Genia Glass (Aufnahme 1937) © Dr. Michel Glass
Kurt Glass in französischer Uniform in einer Einheit für Emigranten (Aufnahme Ende 1939) © Dr. Michel Glass
Kurt Glass in französischer Uniform in einer Einheit für Emigranten (Aufnahme Ende 1939) © Dr. Michel Glass
Ausweis für Genia Glass als Eugenie Gautier für die Zeit ihres Untertauchens in Mandagout 1944 © Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
Ausweis für Genia Glass als „Eugenie Gautier“ für die Zeit ihres Untertauchens in Mandagout 1944 © Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 518-11898
Pastor Georges Gillier bescheinigt ihren Aufenthalt 1944 © Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
Pastor Georges Gillier bescheinigt ihren Aufenthalt 1944 © Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 518-11898
Gespräch der Autorin mit Genia Glass im Jahre 2003.

Siehe auch die Geschichte der Familie von Steven Simon und seinen 
Eltern Arthur und Irma Simon, geb. Sostmann in Frankreich, 
in: US Holocaust Memorial Museum, Washington.