Wilhelm Wagner jun. (Aufnahme 30er Jahre) © Horst und Anne Wagner
Wilhelm Wagner jun. schickt Pakete nach Theresienstadt (Aufnahme 30er Jahre) © Horst und Anne Wagner
Einige Kontakte zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Nachbarn und Freunden waren derart eng, dass man sich fragt: Konnten diese Freunde denn gar nichts zu ihrer Rettung in Frankfurt tun? Es war wohl vor allem die Angst vor der eigenen Verfolgung, die auch die allerbesten Freunde von einer Betreuung abhielt. Die Kontrolle war derart engmaschig (Blockwart, Ortsgruppe, hundertprozentige Nationalsozialisten als Nachbarn) und die Bereitschaft zur Denunziation so groß, das schon der Gedanke daran die Rettung als aussichtslos erscheinen ließ. So standen die nicht-jüdischen Freunde hilflos dem Abtransport gegenüber, wie Margarete Stock nach 1945 an die Söhne von Julius und Emma Hess in Israel schrieb: „Es war bisher das Schwerste in meinem Leben, was mich treffen konnte, als Deine lieben Eltern und viele liebe Bekannte von uns gingen“. Was dennoch für das Überleben der jüdischen Freunde in einem Ghetto getan werden konnte, war, die Deportierten mit Lebensmitteln und Geldüberweisungen „über Wasser“ zu halten – bis zum erhofften baldigen Kriegsende. Aber selbst Pakete mussten getarnt abgeschickt und ihr Erhalt über verschlüsselte Nachrichten bestätigt werden. Für die nicht-jüdischen Freunde schien ein solcher Kontakt weniger gefahrvoll, wenn die seit 1943 in Frankfurt lebenden „Mischehepaare“ oder die als „Halbjuden“ geltenden Menschen als Zwischenboten auftraten. Eine Vorsichtsmaßnahme, der sich einige Frankfurter bedienten. Daher drückte der Eigentümer der Bauer’schen Gießerei Georg Hartmann seinem jungen Auszubildenden 100 Mark in die Hand mit der Bitte an dessen Vater, den Rechtsanwalt Max L. Cahn, diesen Betrag einem Bekannten ins Ghetto Lodz weiterzuleiten. Emmy Saretzki bat auf einer Postkarte aus dem Ghetto Theresienstadt die gemeinsame „halb-jüdische“ Bekannte Eugenie Schöttle, der nicht-jüdischen Familie Baumeister eine Nachricht zukommen zu lassen.

Wenn keine Postkarte die Überlebensgabe bestätigte, war mit dem Schlimmsten zu rechnen. Erst nach Kriegsende brachten Nachforschungen die Gewissheit vom Tod der Freunde in den Ghettos. Eine Rettung über die Päckchen wäre machbar gewesen, schrieb Wilhelm Wagner, „wenn nicht die unerbittliche Grausamkeit der Nazi-Unmenschen mit der sog. „Endlösung“ in den Verbrennungsöfen in Auschwitz das Schicksal unserer Freunde anders bestimmt hätte“.

„ I have his name inscribed in Yad Vashem“ …

Josef Stumpf (Aufnahme 1956) zu Besuch in Kalifornien bei Ernest Valfer. © Sammlung Renate Hebauf
Josef Stumpf (Aufnahme 1956) zu Besuch in Kalifornien bei Ernest Valfer. © Sammlung Renate Hebauf

… hinterließ Ernst Valfer über Josef Stumpf. Im Jahr 1932 war der 25-jährige Josef Stumpf aus seinem Elternhaus zu der Familie Valfer in die Gutleutstrasse 95 gezogen. In diesem Jahr gehörten dem jüdischen Ehepaar Valfer noch die „Kellerei Germania“ plus Weinberg in Hochheim. Bis 1938  hatte das jüdische Ehepaar durch “die Arisierung“ ihres Besitzes alles verloren. Diesen Raub an den Valfers verfolgte Josef Stumpf als damaliger Untermieter. Techniker von Beruf  und beim Bau der Siegfriedlinie eingesetzt besuchte er auch nach seinem Wegzug an Wochenenden die Familie Valfer. Selbst als der Kontakt erschwert wurde, war dies kein Hinderungsgrund. Wie vertrauensvoll und eng ihre Beziehung auch in gefährlich werdender Zeit blieb, beobachtete Sohn Ernst: „Stumpf put on the table (documents), and if anybody had found out that he leaves his top secret maps in the house of a Jew, with his pistol on top of it, they would have caught him right there“.

Im März 1939 schickte das Ehepaar den Sohn Ernst mit einer Kinderverschickung nach Frankreich. Als sich die finanzielle Lage der Valfers In Frankfurt verschlechterte, wurde Heinrich Valfer 1939 als Bürohilfe im Geschäft der Familie Stumpf eingestellt – allein dies barg ein großes Risiko, denn die Beschäftigung eines Juden war schlichtweg verboten. Alle Bemühungen des Ehepaares zur Ausreise schlugen fehl, und am 19. Oktober wurden Heinrich und Frieda Valfer in das Ghetto Lodz deportiert. Sohn Ernst konnte im Juni 1941 aus Frankreich mit einem der letzten Kindertransporte über Portugal in die USA gerettet werden.

Als amerikanischer Soldat kehrte er nach Frankfurt zurück und besuchte den Familienfreund. Obwohl Josef Stumpf mit Geldüberweisungen ins Ghetto die Not des Ehepaares zu lindern versuchte, gelang ihm dies nicht. Das Ehepaar wurde an einem unbekannten Ort mit unbekanntem Datum ermordet. Josef Stumpf zeigte dem Sohn Ernst die Überweisungsbelege und auch die Antworten der Mutter, die den Empfang bestätigte, bis er von ihr keine Antwort mehr erhielt. „Dieser solidarische Akt blieb, trotz seiner immensen Bedeutung, gleichzeitig bedeutungslos: niemand wurde gerettet“, schreibt Ernst Valfer darüber. Josef Stumpf gehört für ihn zu den „five percent that took on danger for humanity”.

Siehe: Interview mit Ernest Valfer, in: US Holocaust Memorial Museum, 
Washington; zu Valfer siehe auch in: Benjamin Ortmeyer, Berichte 
gegen das Vergessen und Verdrängen, Alfter 1994, S.39/40

 

 

 

Pakete ins Ghetto Theresienstadt

Wilhelm Wagner senior besaß in Bergen-Enkheim bei Frankfurt eine Produktionsstätte für Lederwaren. Die Futterstoffe bezog er von dem Textilkaufmann Elias Singer. Aus der Geschäftsbeziehung wurde eine Freundschaft, die auch in der NS-Zeit nicht aufhörte. Wilhelm Wagner junior wuchs mit diesen Freunden seines Vaters auf.

Als Elias Singer 1938 zur Geschäftsaufgabe gezwungen wurde, übernahmen die Wagners die letzten Stoffballen, und als die Lebensmittel knapp wurden, halfen sie den Singers über die Runden zu kommen. Sohn Wilhelm riskierte viel, als er im November 1938 aus der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft in der Friedberger Anlage Gebetbücher, Thorarollen und andere unersetzliche Kultobjekte ins Haus der Familie Singer in Sicherheit brachte. Als die Deportationsverfügung für Elias und Gella Singer zum 15. September 1942 eintraf, konnten die Wagners sie nicht schützen. Sie blieben dennoch nicht untätig. Zweimal wurde das Auto vor dem Haus der Singers in der Obermainanlage 12 beladen, um die aus der Synagoge gesicherten religiösen Gegenstände sicher in einer eisenbeschlagenen Truhe im Haus in Bergen-Enkheim zu verstecken. Außerdem planten die Wagners, ihre Freunde mit Lebensmittelpaketen in das Ghetto Theresienstadt vor dem  Hungertod zu bewahren. Aus dem Brief- und Postverkehr mit ihnen erkennt man, dass sie sich mit ihren Freunden abgesprochen haben müssen. Manch eine Verschlüsselung in den Texten ist nur mit den Erläuterungen verständlich, die Wilhelm Wagner jun. nach 1945 einfügte. Dies war erforderlich, da der Kontakt per se „schwierig und Gefahr bringend“ und nur mittels „geschickt getarnter Bemerkungen“ ablief.

Neun Postkarten aus Theresienstadt sind erhalten. Damit kein direkter Kontakt unter den Familien nachgewiesen werden konnte, schrieb Gella Singer: „Unsere Freunde bekommen fast täglich Post von Ihren Lieben, was sie sehr beglückt. Bitte unsere Lieben sofort innigst zu grüssen und doch stets zu schreiben, denn unsere Freude ist sehr groß zu hören.“ Wagners Erklärung dazu: „Wegen der bestehenden Gefahr, von der Gestapo belangt zu werden, wurde deren Empfang nur in einer allgemeinen Redewendung mitgeteilt. – Damit wir wussten, das beide noch am Leben waren, stand als Absender: Elias Singer, während die Unterschrift von Gella Singer, seiner Frau, die in einem anderen Viertel der Festung wohnen musste, gemacht wurde. – Kurz darauf wurde eine direkte Adressierung an uns unmöglich, da ein hiesiger Briefträger (Nazi-Aktivist) hinter die Sache kam und eine Fortsetzung der Verbindung auf diese Art einem Selbstmord gleichzustellen war.“

Jeder andere hätte bei dieser Verwarnung jetzt den Briefverkehr und die Lebensmittelsendungen eingestellt, doch Wilhelm jun. fand eine Lösung für das Problem der Lebensmittelpäckchen. Martha Dellheim hieß ab 1944 die Empfängerin der Postkarten aus Theresienstadt, und Wilhelm Wagner hinterließ dazu: „Nach einigen Versuchen, wieder eine beiderseitige Verbindung mit der Familie Singer in Theresienstadt herzustellen (u.a. auch über die Schweiz!) gelang es uns, in der Familie Dellheim in Frankfurt/M. eine treue und zuverlässige Vermittlung unserer Lebenszeichen und Päckchensendungen zu finden. Dies wurde durch den Umstand begünstigt, dass wohl Herr Alfred Dellheim Jude war, nicht aber seine Ehefrau. Fortan wurden die Päckchen nicht mehr durch uns,sondern durch Herrn oder Frau Dellheim bei verschiedenen Postämtern in Frankfurt/Main aufgegeben. Der Inhalt der Päckchen war derart, dass die Familie Singer ohne weiteres bis Kriegsende hätte durchhalten können, wenn nicht die unerbittliche Grausamkeit der Nazi-Unmenschen mit der sog. ‚Endlösung’ in den Verbrennungsöfen in Auschwitz das Schicksal unserer Freunde anders bestimmt hätte. – Wie durch Stempelaufdruck ersichtlich, war etwa ab 1944 eine briefliche Mitteilung nach Theresienstadt nicht mehr möglich, sondern nur auf einfachen Postkarten. Deshalb mussten aus Vorsichtsgründen alle Sendungen und Nachrichten unter einem Decknamen, nämlich ‚Schmidt’ getarnt werden. … Diese Postkarte mit Datum vom 4. Februar 1944, geprüft am 21. April 1944 und erhalten am 9. Mai 1944, zeigt, wie besonders schwierig und Gefahr bringend inzwischen jede Nachrichtenübermittlung geworden war, ganz davon abgesehen, dass man als weitere Schikane die Beförderungsdauer auf über drei Monate hinauszögerte. Es musste immer wieder ein anderer Code gefunden werden, wie z.B. hier: ‚Schicken Sie diese Karte meiner Freundin’, damit wir wussten, dass unsere beiden letzten Päckchen dort angekommen waren. Absender der Karte ist dieses Mal die Frau Singer, Wallstr. 60/8 ‚wohnend’, während auf der vorhergehenden ‚Elias Singer, Parkstr. 4’ angegeben ist. Die letzten Worte der Karte: ‚Wir sind glücklich, dass sie gesund sind. Herzl. Dank von meiner Frau’ bezogen sich erstens auf einen getarnten Bericht über verschiedene Bombenangriffe, den wir ihnen mit mehreren Postkarten übermittelt hatten, und zweitens dankt Frau Singer für die erwähnten, gut angekommenen Päckchen“. Die letzte Kommentierung von Wagner jun. bezieht sich auf eine Postkarte, die Gella Singer am 19.4.1944 abgeschickt hat. Es ist die letzte direkte Nachricht der Freunde aus Theresienstadt gewesen. „In einem Brief hatten wir von der Geburt des Stammhalters der Familie berichtet, aber auch von den Auswirkungen der schweren Bombenangriffe auf Frankfurt und der Zerstörung ihres Hauses in der Obermainanlage 12 geschrieben. Durch geschickt getarnte Bemerkungen wurde von uns auf das baldige Ende des Krieges hingewiesen, damit ihr Mut zum Aushalten nicht erlahmte. Doch gegen Ende November 1944, also wenige Monate vor der Befreiung, wurden beide – nach Aussage des Überlebenden Herrn Josef Kanner – zum ‚Transport’ nach Auschwitz mitbestimmt und damit ihr Schicksal beschlossen“.

Elias und Gella Singer wurden im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Elias Singer war 59 Jahre und Gella 50 Jahre alt. Im November 1945 brachte Wilhelm Wagner die ihm zu treuen Händen übergebenen hebräischen Thorarollen, außerdem viele Gebetbücher und andere rituelle Gegenstände dem Frankfurter Rabbiner Dr. Neuhaus.

Warnung an die Familie Wagner: Wer an Juden verkauft, ist ein Volksverräter. Ein Briefträger warnt die Wagners wegen der Postkarten aus Theresienstadt. Wenn sie den Postverkehr nicht einstellen, wird er das melden. Daher bittet Wilhelm Wagner die Bekannte Martha Dellheim über ihre Adresse Päckchen und Post an Gela und Elias Singer zu schicken. Eine der vielen Postkarten aus dem Lager Theresienstadt. Im Nachlass von Wilhelm Wagner im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt/Main. © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt/Main
Warnung an die Familie Wagner: Wer an Juden verkauft, ist ein Volksverräter. Dazu droht ein Briefträger den Wagners wegen der Postkarten aus Theresienstadt. Wenn sie den Postverkehr nicht einstellen, wird er das melden. Daher bittet Wilhelm Wagner die Bekannte Martha Dellheim über ihre Adresse Päckchen und Post an Gela und Elias Singer zu schicken. © ISG Frankfurt/Main, S 1/418 Nachlass Wilhelm Wagner
Eine der vielen Postkarten aus dem Lager Theresienstadt. Im Nachlass von Wilhelm Wagner im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt/Main. © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt/Main
Eine der vielen Postkarten aus dem Ghetto Theresienstadt von Gela und Elias Singer © ISG Frankfurt/Main, S 1/418 Nachlass Wilhelm Wagner
Siehe: Petra Bonavita, Mit falschem Pass und Zyankali, 
Stuttgart 2009, S. 103-108

 

 

 

Ein wertvoller Ring ins Ghetto Minsk geschmuggelt

Freundinnen Margarete Stock (li.) und Emma Hess © Sammlung Renate Hebauf
Freundinnen Margarete Stock (li.) und Emma Hess © Sammlung Renate Hebauf
1934 zogen Julius und Emma Hess mit ihren beiden Söhnen aus Birstein nach Frankfurt in die Obermainanlage 24. In der Anonymität der Großstadt erhofften sie unbehelligter zu leben. Zu ihrer nicht-jüdischen Nachbarin Margarete Stock entwickelte sich eine sehr freundschaftliche Beziehung. Nach der Pogromnacht 1938 gelang es den Eltern Hess, beide Söhne nach England, bzw. Schweden zu schicken, während sie selbst kein Aufnahmeland mehr fanden. Es war ein schwerer Abschied, schrieb Margarete Stock nach 1945, als am 11. November 1941 das Ehepaar Hess in das Ghetto Minsk verschleppt wurde.

Die Nachbarin und Freundin Margarete Stock hielt die Verbindung aufrecht. Es gelang ihr über zwei Wachleute des Ghettos, die auf Heimaturlaub nach Frankfurt bzw. Giessen kamen, zwei Jahre lang Pakete ins Ghetto zu schicken. Das waren Lebensmittel, Kleider und Wäsche und immer zusätzlich ein Geschenk für die Wachleute. In seitenlangen Briefen berichtete Emma Hess vom Tod ihres Ehemannes Julius, von ihrer Arbeit in einer Nähstube und dem Ghettoleben. Eines Tages bat Emma Hess die Freundin, ihr einen wertvollen Ring zu schicken, den sie bei der Deportation nicht mitnehmen durfte. „Na, das war eine Freude, als sie mir schrieb, er wäre in ihrem Besitz und sie hätte gute Geschäfte mit gemacht“, berichtete Margarete Stock den in Israel lebenden Söhnen nach 1945.

Im Nachhinein bewertete sie den Versand der Pakete als leichtsinnig und war sich bewusst, mit einem Fuss im „Kazet“ zu stehen. Ihr Mann hatte sie inständig gebeten endlich damit aufzuhören. Sie tat es hinter seinem Rücken und hatte viel Glück dabei. Der Kontakt brach ab, als keine Briefe mehr von Emma Hess nach Frankfurt kamen. Sie war an einem unbekannten Ort gestorben.

Recherche Renate Hebauf, Frankfurt/Main. 
Siehe: Verlegung der Stolpersteine für Julius und 
Emma Hess im Jahre 2010, Initiative Stolpersteine 
Frankfurt am Main e.V.
Emmy Saretzki schickt ein Lebenszeichen aus dem Ghetto Theresienstadt an die Familie Baumeister. Um sie nicht zu gefährden, bedient sie sich der Anschrift gemeinsamer Bekannter, die sie als „Mischlinge 1. Grades“ weniger gefährdet einschätzt. © Marion Schmidt
Emmy Saretzki schickt ein Lebenszeichen aus dem Ghetto Theresienstadt an die Familie Baumeister und erwähnt ihre Kinder Hermann und Luzie. Um sie nicht zu gefährden, bedient sie sich der Anschrift gemeinsamer Bekannter, die sie als „Mischlinge 1. Grades“ weniger gefährdet einschätzt. © Marion Schmidt