Das Bockenheimer Netzwerk rettet Maya Rhotert

Maya Rhotert mit ihrer Freundin Hilde Lückel (Aufnahme ca. 1942/43) © Nicole Jussek-Sutton
Maya Rhotert (links) mit ihrer Freundin Hilde Lückel (Aufnahme ca. 1942/43) © Nicole Jussek-Sutton
Ein Vater möchte seine Tochter schützen, ein allzu verständliches Anliegen: vor Nachstellungen der NS-Behörden, vor einer Dienstverpflichtung in die Rüstungsindustrie und zuletzt vor der Verhaftung durch die Gestapo noch in den letzten Monaten vor Kriegsende.

Die Familie von Carl Rhotert war nicht unbekannt in Frankfurt am Main. Seit Jahrzehnten war ihr „Schirmgeschäft Aloys Rhotert“ am Liebfrauenberg beheimatet. Ein zentraler Platz und eine gute Adresse. Die lange Tradition eines gut eingeführten Geschäftshauses wäre sicherlich fortgeführt worden, aber nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten galten andere Gesetze. Erna Rhotert, die jüdische – längst getaufte – Ehefrau von Carl Rhotert war dementsprechend nicht mehr tragbar. Die kleine Familie mit der 12-jährigen Tochter Maya brach auseinander. Erna Rhotert musste sich als Geschäftsführerin zurückziehen, ihr Mann suchte nach einem „arischen“ Teilhaber, um seiner Ehefrau ein Leben außerhalb der Grenzen von NS-Deutschland zu erlauben. Im Oktober 1938 flüchtete sie nach Südtirol, 1939 erfolgte die Trennung der Ehepartner und schließlich die weitere Flucht in die Schweiz. Ende 1939 sollte Erna Rhotert aus Bern ausgewiesen werden, aber zum Glück gelang es über die Heirat mit dem Schweizer Arthur Schaub im Februar 1940 ihren Aufenthalt zu sichern.

Tochter Maya – mittlerweile 14 Jahre alt – litt unter dem Verlust der Mutter, schulische Probleme kamen hinzu und eine erstrebte Ausbildung an der Städelschule wurde ihr als „Halbjüdin“ verwehrt. Freundinnen emigrierten von heute auf morgen, das Schicksal der Angehörigen war grauenvoll: Onkel und Tante gelangten mit Mühen über die Grenze nach Holland, Cousin und Cousine wurden mit den Eltern aus Köln deportiert, Mitbewohner des Hauses wurden frühmorgens abgeholt.

Nach einem Pflichtjahr im Haushalt sollte Maya in einem kriegswichtigen Betrieb dienstverpflichtet werden, als im Herbst 1943 „Mischlinge 1. Grades“ zunehmend ins Visier der Gestapo kamen. Ihr Vater wollte sie davor bewahren. Die Rhoterts lebten nie ganz frei von Kontrollen der Gestapo. Maya stand in den letzten Jahren für Kurierdienste der Bekennenden Kirche zur Verfügung, durch ihre perfekten französischen Sprachkenntnisse geriet sie in Verdacht, für eine französische Widerstandsbewegung zu arbeiten.

Ein Bekannter, der als Ingenieur der Degussa ein Zweigwerk in Waldkirchen betreute, bot sich als Helfer an. Die Abmeldung nach Waldkirchen verschaffte ihr eine Pause, die bis Herbst 1944 währte. Am 6. November wurde ihr die Kennkarte entzogen und sie sollte in ein Arbeitslager in Passau  eingewiesen werden. Es begann die Suche nach Zufluchtsorten. Während sie versteckt in der Wohnung des Ingenieurs in Waldkirchen unterkam, plante in Frankfurt der Vater Carl Rhotert mit Hilfe von Pfarrer Heinz Welke ihren weiteren Fluchtweg.

Aus der Schweiz versuchten nun auch Mutter und Stiefvater zu helfen. Mit ihrem Mann Arthur Schaub unternahm Erna Rhotert-Schaub mehrere Anläufe zur Rettung Mayas: „Wir versuchten sie durch einen Mannheimer Schiffer in die Schweiz einzuschmuggeln, was aber misslang; mein Mann (Schaub) schwamm zweimal bei Wyhlen über den Rhein auf die deutsche Seite, um sie zu holen. Aber da wir sie nicht rechtzeitig verständigen konnten und sie überwacht wurde, glückte es nicht. Auch ein Adoptionsantrag meines Mannes blieb auf dem Schweizer Konsulat in Chiemsee liegen“. Schließlich entstand der Plan, durch eine Heirat mit einem jungen Schweizer die Flucht zu ermöglichen.

Alles lief schief, die Gestapo folgte ihrer Spur und nur durch eine überhastete Abfahrt mit einem Holztransport, als Heizerin getarnt, erreichte sie ihren letzten Zufluchtsort, das Gotische Haus in Bad Homburg. In der Nähe eines Waldes, außerhalb der Stadt gelegen, erlebte sie die Befreiung. Um den schrecklichen Erinnerungen zu entkommen, emigrierte sie 1947 mit ihrem Mann Eugene Jussek in die USA.

 

Siehe: Petra Bonavita, Mit falschem Pass und Zyankali, 
Stuttgart 2009, S. 41-51

 

Bestätigung von Pfarrer Heinz Welke über Flucht und Gefahren für Hildegard Graebner © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt/Main
Bestätigung von Pfarrer Heinz Welke über Flucht und Gefahren für Maya Rhotert © Nicole Jussek-Sutton
Mit diesem Foto versucht der Schweizer Ehemann von Erna Rhotert, Arthur „Turie“ Schaub, Maya zu signalisieren, dass er sie schwimmend über den Rhein in die Schweiz holen will. © Nicole Jussek-Sutton
Mit diesem Foto versucht der Schweizer Ehemann von Erna Rhotert, Arthur „Turie“ Schaub, Maya zu signalisieren, dass er sie schwimmend über den Rhein in die Schweiz holen will. © Nicole Jussek-Sutton