Hanna und Sally Goldschmidt © Schweizerisches Bundesarchiv Bern
Hanna und Sally Goldschmidt © Schweizerisches Bundesarchiv Bern
Am 20. Mai 1942 erhielten Sally und Hanna Goldschmidt die Aufforderung, sich in der Großmarkthalle zur Abfahrt einzufinden. Erst im Dezember 1941 hatten sie geheiratet und seit einem halben Jahr wohnten sie im Röderbergweg 38, als mit der Aufforderung zur Deportation am 23. Mai ihre gemeinsame Zukunft bedroht wurde. Beide beschlossen unterzutauchen. Sally hatte längst Fühlung zu seinem nicht-jüdischen Freund Josef Balthasar aufgenommen, der bereits im November 1938 einige Männer in seiner Schneiderei in der Kronprinzenstrasse 19 (heute: Münchener Strasse) versteckt gehalten hatte. Zusammen mit ihrem Freund Bruno tauchten sie bei Balthasar unter. 13 Wochen lang lebten die drei Verfolgten in einem Dachzimmerchen. Auf Dauer konnten sie dort jedoch nicht bleiben, und nach einer weiteren Woche bei einer Frau Prösser unternahmen sie den ersten Versuch, die Grenze zur Schweiz zu überwinden. In Frankfurt hatten sie die Anschrift eines Mannes erhalten, der Juden gegen Geld über die grüne Grenze führte. Mit dem Zug fuhren sie über Heidelberg, Friedrichshafen und Lindau bis nach Bregenz. Da sie ohne Papiere waren, entschieden sie sich in Milchzügen mitzufahren, die weniger kontrolliert wurden. In einem Waldstück nahe der Grenze warteten sie auf einen günstigen Moment, aber Leuchtraketen und Kontrollen verhinderten den Fluchtversuch. Von Bregenz fuhren sie über Ulm nach Frankfurt zurück und tauchten erneut bei Freund Balthasar unter. Ihr Freund Bruno war unterwegs verhaftet worden, als er bei einer Kontrolle der Papiere am Bahnhof Ulm der Gestapo in die Arme lief. Durch diese Ablenkung konnten Sally und Hanna unerkannt in die Bahnhofstoilette flüchten, bis die Luft wieder rein war. Nach ihrer Rückkehr nach Frankfurt wurden sie von Josef Balthasar und guten Freunden betreut, bei mehreren Zimmervermieterinnen fanden sie für eine Nacht einen Unterschlupf. Meistens gaben sie sich als Fliegergeschädigte aus, die durch den Verlust der Wohnung irgendwo unterkommen mussten. Mindestens zweimal wurde Hanna in ihrem Stadtviertel Rödelheim erkannt – auf der Suche nach Essen und am Bahnhof durch einen Bahnsteigkontrolleur. Sie waren in Frankfurt nicht mehr sicher.

Der nächste Versuch sollte über Straßburg in die Schweiz führen. Sally erinnerte sich an einen Freund und hoffte, ihn irgendwie in Straßburg ausfindig zu machen. Wieder erreichten sie in Milchzügen ihr Ziel und suchten bei privaten Zimmervermietern ihr Glück. In der „rue Kuhn“ in unmittelbarer Nähe vom Straßburger Bahnhof kamen sie bei einer Familie Fiegenwald unter. Weil ihre Gastgeber keinen Hehl aus ihrer anti-nationalsozialistischen Gesinnung machten, erzählten sie ihnen ihr tatsächliches Anliegen – die Flucht in die Schweiz. Fiegenwalds versprachen, sich nach dem Freund umzuhören, den sie auch tatsächlich ausfindig machten. Viel Zeit verging, bis es ihrem Freund gelang, Kontakt zu einer Untergrundbewegung aufzunehmen, die ein halbes Jahr zuvor den aus einer Festungshaft entflohenen französischen General Giraud über die Grenze geschleust hatte. Wenn sie es bis nach Mülhausen (Mulhouse) schafften, würde sich ein Mann mit ihnen in Verbindung setzen. Dort wurde ihnen der Vorschlag unterbreitet, auf einen Zug aufzuspringen. Sally sagte sofort: Ja! Zwei Wochen warteten sie im Hotel du Parc auf den richtigen Zeitpunkt. In aller Frühe gingen sie zum Bahnhof St. Louis und sprangen auf einen Güterzug. Aber nur Sally schaffte den hohen Sprung auf die Plattform und verließ am 21. Januar 1943 morgens um 6 Uhr auf der Schweizer Seite den Zug. Hanna gelang der Sprung nicht im ersten Anlauf, sie blieb zurück. Zehn Tage später am 2. Februar um 4 Uhr früh gelang auch ihr mit Hilfe desselben jungen Mannes die Fahrt auf das sichere Schweizer Terrain. Bei der ersten Gelegenheit nach Kriegsende im Jahr 1946 emigrierten Hanna und Sally Goldschmidt mit ihrem einjährigen Sohn zu Verwandten in die USA.

Siehe: Interview mit Hanna Goldsmith der Shoah-Foundation, in: 
US Holocaust Memorial Museum Washington, Collection 38581.
Petra Bonavita: Mit falschem Pass und Zyankali, S. 58/59