Irene Block arbeitete als Steuer- und Devisenberaterin, denn als „Mischling 2. Grades“ erhielt sie 1938 keine Zulassung zum juristischen Staatsexamen. Hunderte Klienten betreute sie in den nächsten Jahren, zumeist jüdische Frankfurter, die für ihre geplante Auswanderung diverse steuerrechtliche Bescheinigungen benötigten. Auch Maria Fulda hatte sich an sie gewandt.

Als Fulda im Oktober 1941 deportiert werden sollte, erlitt sie einen Schock, blieb wie gelähmt liegen und wurde für transportunfähig erklärt. Bei der Verfügung zur nächsten Deportation setzte sich Irene Block zum ersten Mal für ihre Klientin ein. Sie fand in Dr. Stilgebauer den Arzt, der Maria Fulda unter großen Schwierigkeiten in das jüdische Gagern-Krankenhaus einwies. Bei der dritten Deportationsaufforderung stellte Dr. Fritz Kahl ein Attest aus. Die häufigen Aufschübe fielen der Gestapo auf, die ihren Amtsarzt Dr. Philippi dieses Attest überprüfen ließ. Aber auch dieses Mal setzte sich Irene Block für Fulda ein, indem sie mit dem Arzt vorher persönlich Rücksprache nahm. Erneut wurde sie als gehunfähig zurückgelassen. Noch ein viertes Mal gelang dieses Manöver und als Ende September 1942 die letzte Deportationsverfügung herausging, stand Irene Block kurz vor dem Abtransport im Zimmer von Maria Fulda. Anwesend war noch eine Freundin, die sich in das Zimmer geschlichen hatte, um Abschied zu nehmen. Das Unvermeidliche wäre geschehen, wenn Irene Block nicht plötzlich gehandelt hätte. Sie trennte den Stern von Fuldas Mantel ab und beauftragte die Freundin, Kleid und Kennkarte von Maria in den Main zu werfen. Dann nahm sie Maria Fulda an die Hand, ging zum Bahnhof und fuhr mit ihr nach Ziegenhain (Bezirk Kassel). In einem von ihr vorsorglich – als Schutz vor Fliegerangriffen – angemieteten Zimmer brachte sie ihren Schützling unter. Der Zimmerwirtin stellte sie Maria Fulda als Tante aus Berlin vor, die nach einem Nervenzusammenbruch Ruhe und täglich einen Teller Suppe brauche, aber wenig sprechen werde.

Maria Fulda = Postausweis aus HHSta Wiesbaden © Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
Postausweis auf den Alias-Namen „Maria Fischer“ für die Zeit der Illegalität von Maria Fulda in Ziegenhain. © Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 518-P2310/08
Studentenausweis von Irene Block aus dem Jahr ihrer Immatrikulation 1935. © Universitätsarchiv der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/Main
Studentenausweis von Irene Gasse (seit 1939 verheiratete Block) aus dem Jahr ihrer Immatrikulation 1935. © Universitätsarchiv der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/Main

Bei ihrer Rückkehr nach Frankfurt stellte Irene Block entsetzt fest, dass die Freundin nicht für das Verschwinden der Sachen von Frau Fulda in den Main gesorgt hatte. Letztendlich blieb es an ihr hängen, Fulda als suizidgefährdete und „vermisste“ Jüdin anzuzeigen. Nach einer Woche holte Irene Block ihren Schützling aus Ziegenhain zurück und versteckte Maria Fulda in ihrer Wohnung im Frankfurter Westend, in der Unterlindau 51, die gleichzeitig ihr Büro war. Bei unangekündigten Besuchen versteckte sich Fulda in einer Schlafcouch oder verschwand in einem Nachbarkeller. Derart eingeschränkt lebten die beiden Frauen 1 ½ Jahre. Mit nur einer Lebensmittelkarte und mit der Hilfe einiger befreundeter Frauen gelang es dennoch, allen Gefahren zu trotzen. Als im April 1943 Maria Fulda ernstlich erkrankte und eine Ärztin hinzugezogen werden musste, erfand Irene Block Ausreden und Lügen, verschleierte ihre Identität und setzte selbst die Spritzen. Als gefährlich erwiesen sich zwei Freundinnen Fuldas, die von Irene Block immer wieder ermahnt wurden, nicht über die versteckte Freundin zu reden. Da Fulda keine Kleider besaß, half die Nachbarin Lina Hatschek aus. Beim Besuch eines Steuerbeamten war es Blocks Sekretärin, die mittels Bestechung den Mann schnell wieder aus dem Büro drängte. In dieser Zeit und bei später folgenden Fliegerangriffen stellte die Nachbarin Else Brauchler ihren Keller zur Verfügung, in dem Maria Fulda tageweise unterkommen konnte. Block ging davon aus, dass für diese Hausbewohner Maria Fulda eine Unbekannte war. Als nach einem Luftangriff am 22. März 1944 das Haus Unterlindau 51 vollständig ausbrannte, flüchteten Irene Block und Maria Fulda aus dem Keller der Unterlindau 55 nach Ziegenhain in das seit langem angemietete Zimmer. Irene Block meldete sich und ihren Schützling als Ausgebombte aus Frankfurt an und beantragte einen Postausweis auf den Namen „Maria Fischer“. Einen Monat später ließ sie Maria auf ihrem Haushaltsausweis eintragen und dadurch bekam Fulda-Fischer eigene Lebensmittelmarken.

Am 30. März 1945 besetzten die Amerikaner den Bezirk um Kassel, und Maria Fulda war befreit. Dass sie gerettet war, wollte sie lange nicht glauben. Weitere vier Monate gab sie sich gegenüber den amerikanischen Kontrollbehörden nicht mit ihrem wahren Namen zu erkennen. Bis zu Maria Fuldas Tod im Jahre 1966 lebten beide Frauen in Frankfurt. Fulda setzte sich dafür ein, dass Irene Block von der Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt werde. Trotz vieler eidesstattlicher Bescheinigungen wurde Dr. jur. Irene Block erst im Jahre 1992 – posthum – geehrt.

Siehe: Petra Bonavita, Mit falschem Pass und Zyankali, Stuttgart 2009, 
Seite 54-57