Nachts fährt Hermine Baumeister mit Ehemann und Tochter zum Oberkantor Saretzki und übergibt Lebensmittel.© Marion Schmidt
Nachts fährt Hermine Baumeister mit Ehemann und Tochter zum Oberkantor Saretzki und übergibt Lebensmittel.© Marion Schmidt
Der Kontakt zwischen „arischen“ Deutschen auf der einen und jüdischen Deutschen auf der anderen Seite wurde nach Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze 1935 von Jahr zu Jahr gefährlicher und als „Judenbegünstigung“ verfolgt. Freundlicher Umgang mit Juden, Übergabe von Lebensmittelhilfen, Rat und Tat in Auswanderungsfragen konnten böswillig ausgelegt als „artvergessenes Verhalten“ zu Verhör und Haft führen und in späteren Jahren sogar in den Konzentrationslagern Ravensbrück für Frauen bzw. Dachau für Männer enden.

Die Ghettoisierung der Frankfurter Juden in das Ostend-Viertel erschwerte es, die einstmals nachbarschaftlichen Kontakte aufrecht zu erhalten. Man traf sich heimlich in der Dunkelheit und auf entlegenen Plätzen. Mit Kriegsbeginn und der Einführung von Lebensmittelmarken kam es zur Unterversorgung der jüdischen Haushalte. Nach wenigen Monaten wurden die Lebensmittelkarten mit einem „J“ gekennzeichnet, was geringere Rationen bedeutete, und der Einkauf war nur in einigen wenigen Geschäften erlaubt. In diesen Geschäften gab es keine Mangelwaren. Kohlen wurden beispielsweise erst am Ende der Heizperiode geliefert, wenn die „arischen“ Haushalte versorgt waren, also viel zu spät für jüdische Haushalte. Die Hungerpolitik der hessischen Gauleitung sorgte dafür, dass die spärlichen Rationen zu viel zum Leben und zu wenig zum Sterben waren. Entgegen der verbreiteten Meinung, das Schicksal der jüdischen Nachbarn und Freunde sei auf Gleichgültigkeit bei Freunden und Nachbarn gestoßen, lassen sich zahlreiche Hinweise auf Hilfe bei der Lebensmittelversorgung finden. Wer bereit war, den Maßnahmen der Gauleitung etwas entgegen zu setzen, musste allerdings Phantasie und Energie aufbringen, damit die menschliche Hilfe dem „NS-Volksgenossen“ keine Chance zur Denunziation gab. Seit der Einführung des Judensterns im September 1941 – sichtbar in Brusthöhe angenäht -, wurde sogar ein Gruß zwischen Nachbarn mit und ohne Stern gefährlich, geschweige denn die Übergabe von Lebensmitteln.

Hermine Baumeister ging nachts zu Fuß mit Tochter und Ehemann von der Frankenallee in die Lersnerstrasse, um die Familie des Oberkantors Saretzki mit Lebensmitteln zu versorgen. Zu Fuß – denn es hätten doch einem Straßenbahnschaffner die kontinuierlichen und nächtlichen Fahrten ins Nordend auffallen können.

Gretel Förster versorgte in den Jahren 1940-1943 allein 18 Familien mit Nahrungsmitteln. Sie arbeitete auf einem Hofgut in Bockenheim und ließ sich nicht in barer Münze entlohnen, sondern brachte den „Ertrag ihrer Arbeit“ in den Nächten vor die Türen der Betroffenen. Patienten übergaben nicht eingelöste Lebensmittelmarken dem Arztehepaar Kahl, das seinen Sohn mit gut gefüllten Körben von Bockenheim ins Ostend schickte. Kinder erregten weniger Verdacht als Erwachsene. Margarete Stock schrieb über die Lebensmittelversorgung der „anständigen Deutschen“ für ihre jüdischen Freunde, dass obwohl es „kein Fett, Fleisch, Butter, Gemüse, Obst usw. (gab), für diese armen Menschen“ alles getan wurde. Akribisch notierte die Gestapo für das Jahr 1941 noch rund 100 „deutschblütige“ Haushaltshilfen bei jüdischen Familien. Die zumeist seit Jahrzehnten dort tätigen Frauen wollten sich von ihren älteren Herrschaften nicht trennen.

Die Bereitschaft war groß, eine solche Lebensmittelübergabe zu denunzieren.

Der aushilfsweise beim Ernährungsamt angestellte Walter Gottmann übergab dem ihm bekannten Juden Max Prager Lebensmittelmarken ohne „J“-Stempel. Nach dem Tod der nicht-jüdischen Ehefrau Pragers war das eine nicht mehr erlaubte Begünstigung. Der Vorgang wurde denunziert und Prager sah keinen anderen Ausweg als Gefängnis und Deportation vorzugreifen und beging am 12. Januar 1942 Selbstmord. Der Angestellte Walter Gottmann wurde zehn Tage später wegen „freundschaftlicher Beziehungen zu einem Juden“ verhaftet, in das Konzentrationslager Dachau überführt, wo er am 1. Juni 1942 starb.

Karl Wischmann unterließ es nicht, die Haare jüdischer Kunden zu frisieren. Er kam im Juni 1942 in Haft und starb im KZ Groß-Rosen nur ein paar Monate später. Der Friseur Karl von Walter überlebte das Konzentrationslager Dachau, in das er wegen „Judenbegünstigung“ überstellt wurde.

Otto Drews, als Hilfsaufseher im Gefängnis Preungesheim eingesetzt, brachte Briefe von jüdischen Gefangenen heraus und Lebensmittel hinein. Zu 2 ½ Jahren Gefängnis bestraft verstarb er kurz nach Haftende.

Frieda Rodiger kannte Josef Stern seit dem Jahr 1931 und half mit Lebensmitteln und Zigaretten aus. Am 19. Januar 1942 wurde sie dabei beobachtet. Nach dreimonatiger Untersuchungshaft kam sie für 15 Monate in das Konzentrationslager Ravensbrück. Sie überlebte. Josef Stern wurde in das Konzentrationslager Dachau überführt und starb am 3. August 1942 durch eigene Hand.

Else Epstein – mit ihrem verstorbenen Mann Wilhelm Epstein gründete sie den Bund für Volksbildung -, versorgte ihren jüdischen Schwager Dr. Richard Löwenthal und unterließ es nicht, sich weiterhin mit jüdischen Freunden zu treffen. Auch die dreiwöchige Haft schüchterte sie nicht ein, und im Jahr 1942 kam sie für acht Monate in das Konzentrationslager Ravensbrück. Nach der Entlassung aus dem Lager verließ sie Frankfurt, um sich einer weiteren Beobachtung durch die Gestapo zu entziehen. Sie kehrte erst 1945 nach Frankfurt zurück.

In der Rohrbachstrasse 58 betrieb seit 1922 Martin Bertram eine Bäckerei. Als er sich 1933 weigerte das Schild „Deutsches Geschäft“ anzubringen, das Juden verbot, bei ihm Brot zu kaufen, wurde er 1935 gezwungen, sein Geschäft aufzugeben. Im September 1936 kam er wegen seiner Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas bis Kriegsende in ein Konzentrationslager.

Am 19. Januar 1942 beobachtete ein Kunde, dass der Inhaber einer Fischhandlung, Theodor Schmidt, dem Juden Josef Stern ein paar Fische schenkte. Beide Männer waren seit Jahren gut miteinander bekannt. Der eifrige Kunde folgte Josef Stern von der Schweizer Strasse bis zum Uhrtürmchen am Sandweg. Erst dort sprach er zwei Polizisten an und denunzierte Josef Stern, der verhaftet und kurze Zeit später ins Konzentrationslager deportiert wurde. Theodor Schmidt war drei Monate in Haft und starb laut Angaben seiner Ehefrau an den Folgen zwei Jahre später.

Die Krankenschwester Luise Zorn traf sich im Schutze der Dunkelheit in Torbögen und Hauseingängen, um einem Halbverhungerten ein Päckchen zu geben. Nachts stieg sie über die Mauer des jüdischen Krankenhauses, brachte ihr eigenes Verbandszeug mit und assistierte bei Operationen.

Ende 1942 wurde die Versorgung mit Lebensmitteln weiter eingeschränkt. Obwohl nach Abschluss der großen Deportationen kaum mehr als 1000 Juden in Frankfurt lebten (jüdische „Mischehepartner“, so genannte Geltungsjuden, Juden mit ausländischer Staatsangehörigkeit und die noch mit der finanziellen Abwicklung befassten Mitarbeiter der Jüdischen Gemeinde) wurden die eh schon schmalen Rationen weiter reduziert: keine Fleisch-, Eier-, Milch- und Brotkarten.

Tilly Cahn schrieb über das Wenige, was sie verteilen konnte, in ihrem Tagebuch im November 1941: „Ein großer Teil meiner täglichen Arbeit besteht darin, Kartoffeln (vielfach im Tauschhandel) zu beschaffen und zu ihnen zu bringen“. Im Februar 1942 notierte sie: „Elend wohin man blickt“.

Theodor Hume betrieb ein orthopädisches Fachgeschäft und durfte als einer der Letzten seine jüdische Kundschaft versorgen. „Auf Knochen hält nichts“, versuchte er ihren Klagen zu begegnen und besorgte zentnerweise Kartoffeln. 1944 wurde der 35-jährige Mann wegen seiner anti-nationalsozialistischen Haltung denunziert, drei Monate später war er tot.

Herbert Buchhold kannte die Versorgungsengpässe. Er arbeitete bei einem der größten Lebensmittelhändler Schade & Füllgrabe in der Hanauer Landstrasse. Nach den NS-Rassegesetzen galt er als Mischling 1. Grades und hätte sich eigentlich zurückhalten müssen, um keine Angriffsfläche zu bieten. Auch Herbert Buchhold wurde von einem eifrigen NS-Volksgenossen denunziert, weil er Lebensmittel und Mangelwaren an Juden abgab. Am 5. März 1943 verhaftet, kam er in das Konzentrationslager Auschwitz-Monowitz. Er war damals 23 Jahre alt und überlebte das Lager.

Walter Gottmann stirbt am 1. Juni 1942 im KZ Dachau © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt/Main
Walter Gottmann stirbt am 1. Juni 1942 im KZ Dachau © ISG Frankfurt/Main, Personalakte 4.285
Für ihre Lebensmittelübergabe wird Frieda Rodiger mit 15 Monaten Haft im KZ Ravensbrück bestraft. © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt/Main
Für ihre Lebensmittelübergabe wird Frieda Rodiger mit 15 Monaten Haft im KZ Ravensbrück bestraft. © ISG Frankfurt/Main, NS-Verfolgte Nr. 5.372
Tilly Cahn-Schulze schleppt Kartoffeln zu den hungernden Menschen. © Jüdisches Museum Frankfurt am Main
Tilly Cahn-Schulze schleppt Kartoffeln zu den hungernden Menschen und schreibt 1942: „Elend wohin man blickt“. © Jüdisches Museum Frankfurt am Main
Die Schwester Luise Zorn hilft und schützt. © Frankfurter Rundschau 5. September 1945
Die Schwester Luise Zorn hilft und schützt. © Frankfurter Rundschau 5. September 1945
Fisch-Schmidt (Plakat) © Petra Bonavita
Der Fischhändler Theodor Schmidt übergibt einem jüdischen Kunden verbotenerweise ein Päckchen Fische (Plakat) © Petra Bonavita
Anzeige in der Exilanten-Zeitschrift "Aufbau" vom 6. Dezember 1946
Anzeige in der Exilanten-Zeitschrift „Aufbau“ vom 6. Dezember 1946
Siehe: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden, S. 442-455. 
Zur Hilfe für verfolgte Juden siehe dazu die in das 
KZ Ravensbrück deportierten Frauen aus Frankfurt am Main: 
u.a. Else Foshag, Maria Lang, Anna Rodiger, Anna Streber, 
Else Schneider, Gladys Schulz, in: Studienkreis Deutscher 
Widerstand 1933-1945, Frankfurt am Main-FrauenKZ Ravensbrück, 
Lebensspuren verfolgter Frauen, 2009