Christian Fries (Aufnahme 40er Jahre) © Claudia Schmiderer
Christian Fries (Aufnahme 40er Jahre) © Claudia Schmiderer
Der Kriminal-Beamte Christian Fries, der als Stützpunktleiter eine Widerstandszelle im Frankfurter Polizeipräsidium aufgebaut hatte, bereitete die Flucht des allseits geschätzten Frankfurter Professors Karl Herxheimer und seiner Hausdame Henriette Rosenthal in die Schweiz vor. Der Anstoß kam wohl von Gustav Weigel, also aus dem Freundes- und Unterstützerkreis von Herxheimer. Als dritter Helfer kam der Gestapo-Beamte Gotthold Fengler hinzu. Alle drei Helfer kannten sich gut: man war freundschaftlich und kollegial miteinander bekannt und bereit zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

Von vielen Freunden wurde Herxheimer seit Jahren gebeten, rechtzeitig in die Schweiz zu übersiedeln, da er in Gunten am See ein Ferienhaus besaß. Aber warum sollte er emigrieren, wenn sogar der Schaffner in der Trambahn ihn mit den Worten begrüßte: „Ihne bassiert nix, jed’ Kind kennt Ihne, unn Sie hawwe unsrer Stadt nur Gudes gedahn. Sie derfe net fortgehn“. Dies bestätigte doch nur seine Heimatgefühle und seine Verbundenheit mit seiner Vaterstadt.

Bald durfte Herxheimer „sein“ dermatologisches Institut nicht mehr betreten, und der großzügige Stifter bei der Gründung der Johann Wolfgang Goethe-Universität wurde offiziell geschnitten. Es blieb ihm sein großer Bekanntenkreis. Ehemalige Studenten, Assistenten und Patienten besuchten ihn heimlich und überbrachten Lebensmittel. Es gab genügend mutige Menschen, die ihn versorgten, erinnerte sich nach 1945 ein früherer Assistent Herxheimers.

Als im Frühjahr 1942 eine Deportation auf die Nächste folgte, ging es nicht mehr ums Versorgen. Herxheimers Freunde hatten Angst um sein Leben. Daher organisierte Gustav Weigel an der Oberschweinstiege mit dem Professor und dem Kriminal-Beamten Christian Fries heimliche Treffen. Weigel war ein guter Freund des Gestapo-Beamten Gotthold Fengler, der wiederum ein ehemaliger Kollege von Christian Fries war. Zu konspirativen Gesprächen eignete sich im Sommer der Schrebergarten von Weigel am Sachsenhäuser Berg. Weigel wird später als widerstandsbereiter Mann zur Fries’schen Zelle gezählt.

Die Organisation der Flucht war bald abgesprochen: Fengler besorgte gefälschte Pässe für Professor Herxheimer und seine Hausdame Henriette Rosenthal. Fries entfernte ihre „Steckkarten“ inklusive Passsperre im Polizeipräsidium. Fengler wollte sich ein Auto leihen, um die beiden alten Menschen bis zur Grenze zu bringen. Auf der Schweizer Seite wartete Professor Ferdinand Blum, ehemaliger und emigrierter Universitäts-Kollege von Herxheimer. Seine Tochter Gertrud Roesler-Ehrhardt in Frankfurt war ebenfalls in den Plan eingeweiht. Dennoch scheiterte die Flucht an einer nicht absehbaren Kleinigkeit. Henriette Rosenthal wollte noch ein Päckchen an ihre „halb-arischen“ Enkel auf die Post bringen. Dieser Vorgang wurde von einem NS-Volksgenossen denunziert, Rosenthal verhaftet und erst kurz vor der Deportation entlassen, um ihren Koffer für Theresienstadt zu packen. Der Fluchtversuch war damit gescheitert.

Der Kriminal-Beamte Christian Fries schrieb 1947 über diese gescheiterte Rettung in einer langen Rechtfertigungsschrift zu seiner eigenen anti-nationalsozialistischen Haltung und seiner illegalen Widerstandsarbeit als Stützpunktleiter einer Zelle im Frankfurter Polizeipräsidium, die zum Wilhelm-Leuschner-Kreis gehörte. Doch alles Quellenmaterial zu Fries wie zu Fengler als Belege des zivilen Widerstands wurden 1947/48 aus den Spruchkammerakten entfernt. Allerdings listet die Veröffentlichung über „Die Tragödie des 20. Juli 1944“ von Emil Henk 1946 Name um Name auf, in welcher auch Christian Fries in seiner Funktion als Stützpunktleiter Erwähnung findet. Seine Rechtfertigungsschrift, die er dem „lieben Freund Jakob Steffan“ (Mitverschwörer im Leuschner-Kreis) zusandte, gibt Einblick in seine Widerstandstätigkeit. Vierzig Personen hatte er auf ihre anti-nationalsozialistische Gesinnung und auf ihre Bereitschaft überprüft, nach einem gelungenen Sturz des Hitler-Regimes aktiv zu werden. Gustav Weigel gehörte dazu. Über den Gestapo-Beamten Gotthold Fengler schrieb er 1958, dass er „der Widerstandsgruppe insofern wertvolle Dienste erwies, als er u.a. uns die geplanten Judenverschickungen so rechtzeitig meldete, dass wir einen Teil der Gefährdeten warnen konnten“.

Prof. Dr. Karl Herxheimer (Aufnahme 1941) © Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt am Main
Prof. Dr. Karl Herxheimer (Aufnahme 1941) © Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt am Main
Der Kriminal-Beamte bei der Gestapo-Frankfurt: Gotthold Fengler (Aufnahme ca. 1940) © Irene Thiel
Der Kriminal-Beamte bei der Gestapo-Frankfurt: Gotthold Fengler (Aufnahme ca. 1940) © Irene Thiel
Siehe: Petra Bonavita: Nie aufgeflogen, Gotthold Fengler: 
Ein Gestapo-Beamter als Informant einer Widerstandszelle 
im Frankfurter Polizeipräsidium, Berlin 2013; Siehe auch: 
Rechtfertigungsschrift Christian Fries im Stadtarchiv 
Wiesbaden NL 75, Br. 1555.
„Die Untoten“ über Netzwerke des zivilen Widerstands 
in: Der Spiegel Nr. 30/2015, S. 117-121