Die Quäker, die vielen Verfolgten halfen, mussten geradezu ohnmächtig hinnehmen, dass auch manch eigenes Mitglied nicht vor einer Deportation bewahrt werden konnte. Ohne rechtzeitig beantragtes Visum und ohne ausreichendes Affidavit war die politische Blockadehaltung der Visumsbegrenzung nicht aufzuweichen. Es gab zu viele Erschwernisse bei den Vorbereitungen zur Flucht ins rettende Ausland.

Das Wiesbadener Ehepaar Dr. Erich und Elli Frankl fand in den dreißiger Jahren zu den Frankfurter Quäkern. Sie besuchten an Sonntagen ihre Andachten und fanden unter ihnen wahre Freunde zu einer Zeit, als sich viele alte Bekannte zurückzogen. Da sie ihren Visumsantrag nicht frühzeitig gestellt hatten, blieb der Einsatz der Quäker-Freunde bei der Flucht aus NS-Deutschland aussichtslos. Noch rechtzeitig reisten ihre beiden Kinder Hai (eigentlich: Heinrich) und Hermine aus. Die 17-jährige Hermine erreichte über einen Kindertransport am 7. August 1939 England. Der Briefverkehr mit ihren Eltern war mühselig, denn nach Kriegsbeginn musste die Post über Verwandte und die Quäker geleitet werden, was mitunter Monate dauern konnte. Daher vertraute Hermine ihrem Tagebuch ihr Heimweh und ihre Sehnsucht nach den Eltern an.

Hai Frankl war 19 Jahre alt, hatte die Schule in Wiesbaden verlassen müssen und konnte nur in einem jüdischen Betrieb eine Gärtnerlehre absolvieren. Mit Hilfe der schwedischen Schriftstellerin und Quäkerin Emilia Fogelklou und Freunden aus der Wiesbadener Nerother Wandervogel-Bewegung reiste er am 26. August 1939 mit einem Transit-Visum in Schweden ein. In einem landwirtschaftlichen Betrieb in der Nähe von Stockholm kam er unter. Die Quäker versuchten auch die Eltern Frankl aus Wiesbaden zu retten. Emilia Fogelklou und der Frankfurter Dr. Rudolf Schlosser bemühten sich bis Ende 1941 um eine Ausreise. Nahezu täglich gingen Briefe zwischen Stockholm und Wiesbaden hin und zurück. Der seelische Beistand von Seiten der Quäker wurde zur Stütze in den Monaten vor der Deportation. Am 10. Juni 1942 wurden Erich und Elli Frankl aus Wiesbaden in ein Lager deportiert und ermordet.

Die Tochter Hermine Frankl emigrierte nach 1945 weiter in die USA, heiratete und hatte mit ihrem Ehemann Gus zwei Söhne. Sie starb 1987 in Miami/Florida. Hai Frankl nahm aus dem musikalischen Elternhaus seine Begeisterung für die Musik mit nach Schweden. Während seines Studiums der dekorativen Malerei, das ihm die Quäker finanzierten, lernte er seine Frau Topsy kennen. Als Folklore-Duo tourten sie durch das deutschsprachige Europa. Hai Frankl lebte in Stockholm, wo er am 13. Januar 2016 verstarb.

Siehe: Michaela Bolland
Wir sind noch! –
Dokumentation Dr. Erich 
und Elli Frankl 1880-1942,
in:Stadtarchiv Wiesbaden.

 

Elli und Erich Frankl
Elli und Erich Frankl in glücklichen Tagen. Aufnahme 1925. Bis Ende 1941 versucht Sohn Hai gemeinsam mit den schwedischen Quäkern eine Ausreise für die Eltern nach Schweden zu erreichen. © Familie Frankl/Stockholm
Hermine Frankl
Hermine Frankl reist im August 1939 mit einem Kindertransport aus. (Aufnahme 1939) © Familie Frankl
Hai Frankl
Drei Tage vor Kriegsbeginn 1939 reist Hai Frankl nach Schweden aus. (Aufnahme 1938/39) © Familie Frankl
Transit-Visum
Brief von Dr.Erich Frankl an seinen Sohn Hai am 27.10.1941 über letzte Ausreisebemühungen. © Familie Frankl

 

Ein „geschätztes Mitglied“ der Frankfurter Quäker war auch Sophie Mayer. Ihren Arbeitsplatz als Sekretärin verlor sie, als ihr jüdischer Arbeitgeber emigrierte, danach war sie im Bereich der Jüdischen Wohlfahrtspflege tätig. Rechtzeitig hatte sie sich um Visum und Affidavit für die USA gekümmert. Als schließlich ihr Visum beim amerikanischen Konsulat in Stuttgart bearbeitet wurde, war das Affidavit ihres Cousins aus New York nicht mehr gültig. Der Frankfurter Quäker Dr. Rudolf Schlosser bat die amerikanischen Quäker-Freunde um Hilfe. Zu spät traf das erneuerte Affidavit ein. Als Sophie Mayer den Stern tragen musste, durfte sie weder Andachten noch Treffen besuchen. Die Quäkerin Eva Hermann kam zu ihr nach Einbruch der Dunkelheit in ihre Wohnung. Sophie Mayer wurde am 1. März 1943 deportiert und ermordet.

Karteikarte für Sophie Mayer
Karteikarte für Sophie Mayer im American Friends Service Committee Philadelphia © Collection 2002.296, Case Nr. 1307, US Holocaust Memorial Museum Washington

Es war ein Glücksfall, dass der 17-jährige Fritz Höniger im November 1938 mit einem Farm-Training-Program im Süden Englands seine Wartezeit auf einen Studienplatz in Birmingham überbrückte. Zwei Jahre hatte er die internationale Quäkerschule „Eerde“ in Ommen besucht, und die Quäker wollten mit einem Stipendium seine weitere Ausbildung fördern. Nach dem 9. November 1938 zerschlugen sich alle Pläne. Dennoch erleichterte ihm sein Aufenthalt in Südengland, die Flucht seiner Familie aus Frankfurt zu arrangieren. Mit Hilfe britischer Quäker erhielt er für seinen Vater eine Bürgschaft, die den vorübergehenden Aufenthalt für ein Jahr bescheinigte, bis Dr. Georg Höniger im August 1940 mit einem vor langer Zeit beantragten Visum in die USA einreisen konnte. Für seine Schwester Ruth fand sich die Familie eines Pfarrers, die das 14-jährige Mädchen aufnehmen wollte. Sie reiste mit einem Kindertransport aus. Nur seine Stiefmutter, die seit einiger Zeit getrennt von seinem Vater lebte, hatte keinen Antrag auf ein Visum gestellt und musste in NS-Deutschland bleiben. Elisabeth Höniger wurde im Jahre 1943 deportiert und ermordet.

In drei Ländern überlebten die Hönigers: Vater Georg in den USA, Fritz als „enemy alien“ in einem Camp in Kanada und Ruth in England. Erst nach Kriegsende fanden sie wieder zusammen. Für Fritz (später: F. David Hoeniger) setzte sich die britische Quäkerin Bertha Bracey ein, damit er 1944 aus dem Camp in Kanada entlassen wurde.

Siehe: Petra Bonavita: Quäker als Retter ... im Frankfurt am Main der NS-Zeit, Stuttgart 2014, S.210, S. 259-267

 

 

Fritz und Ruth mit ihrer Mutter Elisabeth Höniger im Garten der Arndtstrasse 38 (Aufnahme 30er Jahre)
Fritz und Ruth mit ihrer Mutter Elisabeth Höniger im Garten der Arndtstrasse 38 (Aufnahme 30er Jahre) © Ruth H. Stern
F. David (Fritz) Hoeniger als Doktorand (Aufnahme Ende der 40er Jahre) © Ruth H. Stern
F. David (Fritz) Hoeniger als Doktorand (Aufnahme Ende der 40er Jahre) © Ruth H. Stern
Die britische Quäkerin Bertha Bracey informiert ihre amerikanischen „Freunde“ über den Bescheid des Londoner Home Office zur Entlassung von Fritz Höniger aus einem kanadischen Camp. © Collection 2002.296, Case Nr. 3416, US Holocaust Memorial Museum Washington
Die britische Quäkerin Bertha Bracey informiert ihre amerikanischen „Freunde“ über den Bescheid des Londoner Home Office zur Entlassung von Fritz Höniger aus einem kanadischen Camp. © Collection 2002.296, Case Nr. 3416, US Holocaust Memorial Museum Washington