Eine „Sonderaktion“ der Gestapo und Flucht in die Illegalität

Gestapo-Karteikarte für Jenny Iller 1943 © Jüdisches Museum Frankfurt am Main
Gestapo-Karteikarte für Jenny Iller 1943 © Jüdisches Museum Frankfurt am Main
Bereits im Herbst 1942 – nach Abschluss der großen Deportationen aus Frankfurt am Main – wies der hessische Gauleiter Jakob Sprenger den Leiter der Gestapo an, pro Monat 100 „Mischlinge 1.Grades“ und „jüdische Mischehepartner“ in die Konzentrationslager abzuschieben. Hessen-Nassau sollte als erster Gau als „judenrein“ gemeldet werden. Innerhalb der Gruppe dieser Verfolgten hatte niemand mit einer Deportation gerechnet, denn offiziell galt die Entscheidung der NS-Regierung, gegen „Mischehepaare“ und „Halbjuden“ erst nach dem Krieg vorzugehen.

Allein in den ersten neun Monaten wurden 170 Frankfurter Juden aus dieser Verfolgtengruppe deportiert (eine unbekannte Zahl aus dem Gau Hessen-Nassau kam hinzu), 28 Verfolgte begingen nach der überbrachten Vorladung zur Gestapo Selbstmord. Bis sich diese Maßnahme – kein Verhör, sondern Haft und Deportation –  herumsprach, vergingen viele Monate. Zum ersten Mal notierte Claire von Mettenheim zu dieser lokalen Aktion der Frankfurter Gestapo im Februar 1943, dass der jüdische Teil unter irgendeinem Vorwand deportiert werde in ein Lager in Oberschlesien, wo niemand herauskomme. Nur einer Handvoll Angehöriger gelang es unter sehr großen Anstrengungen, ihre Partner aus der Gestapo-Haft zu befreien. Im Vertrauen auf den Status einer „geschützten Mischehe“ waren nur sehr wenige Verfolgte nach Erhalt der Vorladung untergetaucht.

Zu den wenigen Frauen, die aus dem Gefängnis herausgeholt werden konnten, gehörte Jenny Iller. Ihr Beispiel zeigt, wie schwierig solch eine von den Angehörigen in die Wege geleitete Entlassung zu organisieren war. Von 80 inhaftierten Frauen, schrieb später eine Entlassene, sei dies nur fünf Frauen gelungen.

Die Gefängnisaufseherin Elisabeth Wetzel hilft bei Flucht und Versteck für Jenny Iller. © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt/Main
Die Gefängnisaufseherin Elisabeth Wetzel hilft bei Flucht und Versteck für Jenny Iller. © ISG Frankfurt/Main, Personalakte 136.351
Alwine Müller versteckte von Mai 1944 - 3. Februar 1945 Jenny Iller in ihrer Wohnung in Wiesbaden. (Aufnahme ca. Ende 30er Jahre mit den Kindern einer Freundin) © Sammlung Dorothee Lottmann-Kaeseler
Alwine Müller versteckte von Mai 1944 – 3. Februar 1945 Jenny Iller in ihrer Wohnung in Wiesbaden. (Aufnahme ca. Ende 30er Jahre mit den Kindern einer Freundin) © Sammlung Dorothee Lottmann-Kaeseler

Im März 1943 folgte Jenny Iller mit ihrer Tochter Ruth einer Vorladung zur Gestapo. Für Ruth als „Mischling 1.Grades“ setzte sich der Bischof von Limburg ein und nach drei Monaten wurde sie entlassen. Ludwig Iller durfte seine Frau Jenny nicht im Gefängnis besuchen, nur über Kassiber wurde der Kontakt gehalten, die in den wöchentlichen Wäschepaketen versteckt die Gefangene erreichten. Iller wurde massiv von dem Gestapo-Beamten Heinrich Baab beschimpft und bedroht, dennoch erreichte er mit Hilfe des Gefängnisarztes Dr. Vorschütz und der Gefängnisaufseherin Liesel Wetzel eine Verlegung seiner Frau in die Krankenstube für Juden im Hermesweg 5/7. Eine gut dosierte Medikamentenvergiftung des Arztes lieferte die Begründung, sie aus den Gefängnismauern herauszuholen zu müssen. Aus der Krankenstube im Hermesweg flüchtete Jenny Iller dann nach wenigen Tagen. Ihr Mann hatte unterdessen ihr Untergrundleben ausreichend vorbereitet: mal waren es Tage, mal Monate, die sie bei hilfsbereiten Familien in Frankfurt verbrachte. Die Gefängnisaufseherin Liesel Wetzel gehörte dazu und weitere fünf Familien in Frankfurt, Wiesbaden, Offenbach und zuletzt in Rück bei Obernburg. Dort erlebte sie die Befreiung durch die Amerikaner.

Siehe: Petra Bonavita, Mit falschem Pass und Zyankali, Stuttgart 2009, 
S. 118/119 und in: Heike Drummer - Gegen den Strom - 
Hrsg.: Fritz Backhaus/Monica Kingreen, Begleitbuch zur 
gleichnamigen Ausstellung im Jüdischen Museum, 
Frankfurt/Main 2012, S. 50-52; siehe auch die Befreiung 
aus der Haft von Lili Scholz, in: Lili Hahn, 
„... bis alles in Scherben fällt“, Köln 1979