Das Bockenheimer Netzwerk rettet Hildegard Graebner

Hildegard Graebner (Aufnahme 40er Jahre) © Marie-Louise Buchczik
Hildegard Graebner (Aufnahme 40er Jahre) © Marie-Louise Buchczik
Hildegard Graebner erkannte die Gefahr der nationalsozialistischen Rassenpolitik frühzeitig. Noch vor Kriegsbeginn im September 1939 ging sie mit ihrer Tochter Ilse nach Holland. Hildegard lebte zwar mit Ludwig Graebner in einer „Mischehe“ und diese Ehen galten als „geschützt“, aber bei einer Kontrolle ihrer Papiere wären einige Schwachpunkte aufgefallen. Ihre Ehe war damals im jüdischen Ritus geschlossen. Auch wenn die Eheleute kurze Zeit nach der Hochzeit aus der israelitischen Hauptgemeinde wieder austraten, blieben sie als „Dissidenten“ vermerkt. Erst 1939 traten sie mit Tochter Ilse der evangelisch-lutherischen Matthäus-Gemeinde in Frankfurt bei.

Nach einer anstrengenden Tätigkeit in einem Altersheim in den Niederlanden hatten Mutter und Tochter Glück, als sie Aufnahme im Pfarrhaus von Ottho G. Heldring in Zetten fanden. In den fünf Söhnen des Pfarrers fand Ilse ihrem Alter entsprechende Spielkameraden. Bald fielen Schatten auf das friedliche Pfarrhausleben. Aus Köln kam die Nachricht von der Deportation der Eltern und des Bruders von Hildegard Graebner, auch ein Onkel in Arnheim wurde deportiert. 1942 wurde Pfarrer Heldring von den Deutschen in Geiselhaft genommen, und der „Joodsche Rat“ in Amsterdam forderte die geflüchtete Hildegard zur Registrierung auf.

Mehrmals wechselte Hildegard daraufhin mit ihrer Tochter die Stadt. Da aber bei einer Registrierung die beiden Frauen als „jüdischer Haushalt“ eingestuft wurden, in Frankfurt jedoch für Hildegard der „zweifelhafte Schutz“ eines Mischehepartners galt, entschlossen sie sich zurückzukehren. Das war Mitte November 1942. Kurz nach ihrer Rückkehr wandte sich das Ehepaar Graebner an Pfarrer Welke, der für sie einen Fluchtweg erkundete. Doch die Anstrengungen einer solchen Reise mit illegalem Grenzübertritt waren nicht jedem Flüchtenden zuzumuten und Welke schrieb später darüber: „In Erkenntnis dieser permanenten Gefahr ermittelte ich neue Fluchtmöglichkeiten nach der Schweiz, die infolge immer schlechter gewordener körperl. Verfassung von Frau Graebner – bei Erwartung übermenschlicher Strapazen und Nervenanstrengung – nicht wahr genommen werden konnten“. Die Helfer und Hildegard Graebner entschieden in Frankfurt zu bleiben und nur bei Verhaftungswellen sollte Hildegard Graebner zu Verwandten nach Baden-Württemberg flüchten. Hildegard verließ kaum die Wohnung, dennoch stand im Spätherbst 1944 ein Polizist vor der Tür und erkundigte sich nach ihr. Weitere Nachforschungen und Vorladungen blieben zum Glück aus.

Dank der bedingungslosen Treue Ludwig Graebners zu seiner Frau, ihrer eigenen klugen Vorausschau, Mut und Ausdauer, Geld und Kontakte, Glück und Zufall überstand sie die Verfolgungszeit und erlebte die Befreiung.

Hildgard Graebner konnte sich zwar als Gerettete betrachten, aber die Angst verließ sie nie. Aus Angst vor einer neuen nationalsozialistischen braunen Partei floh sie 1967 erneut – nun mit ihrem Ehemann – ein zweites Mal in die Niederlande nach Hulsberg. Dort starb Hilde Graebner im Jahr 1975.

Siehe: Petra Bonavita, Mit falschem Pass und Zyankali, 
Stuttgart 2009, Seite 65-73.