Chaim Hefer: Die Gerechten

Bombastisch, so Begriffe immerfort
Man sagt: Gerechter unter den Völkern
Begreifen will ich dieses große Wort
Wir Juden nennen so den guten Mensch
Der ein Versteck uns bietet, ein Stück Brot
Und steht uns bei in größter Todesnot.

(aus dem Hebräischen von Arno Lustiger,
zitiert aus seinem Buch: Rettungswiderstand –
Über die Judenretter in Europa während der
NS-Zeit, Göttingen 2011)

RettungsWiderstand ist ein von Arno Lustiger eingeführter und heute anerkannter Begriff, der von all den Menschen erzählt, die in den von den Nationalsozialisten besetzten Gebieten und im Deutschen Reich jüdischen Menschen das Leben retteten. Als „Gerechte unter den Völkern“ werden diejenigen Retter und Retterinnen von der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem anerkannt, die ihr eigenes Leben gefährdeten, um ein jüdisches Leben zu retten. Die Zeit der massiven Verfolgungen und schließlich der Beginn der Deportationen ab Oktober 1941 gelten als der Zeitpunkt, von dem ab es Judenrettungen gab. In Wahrheit wurden bereits nach den Pogromtagen im November 1938 vielfältige Hilfsaktionen zur Emigration eingeleitet, die Tausende, wenn nicht sogar zehntausende Juden vor späterer Verfolgung bewahrten.

Nach einem Schema des britischen Konsuls in Frankfurt, Robert T. Smallbones, gelang es mittels Transit-Visa für Großbritannien zehntausende Menschen aus NS-Deutschland auf die Insel zu retten. Eine Gedenktafel in der Guiollettstrasse erinnert seit 2013 an den mutigen Einsatz des Diplomaten.

Die britischen Schwestern Ida und Louise Cook reisten eigens aus London an und trafen in der Arndtstrasse 51 auf Hilfesuchende, die ihnen die Schwestern Gertrud Roesler-Ehrhardt und Pauline Jack vorstellten. Gemeinsam wurden Rettungspläne entwickelt und Dokumente für das britische Konsulat zusammengestellt, bis der Kriegsbeginn die weitere Zusammenarbeit unmöglich machte. Die Cook-Schwestern wurden von der Gedenkstätte Yad Vashem 1965 für ihren Einsatz geehrt.

Der Unterstützung von Seiten der Frankfurter Quäker in einem kurzfristig eingerichteten internationalen Zentrum in der Hochstraße 8 verdankte „mancher Frankfurter Jude seine Rettung“ (Rabbiner Georg Salzberger). Gemeinsam mit ihren Quäker-Freunden im Ausland organisierten sie Bürgschaften und Familienunterkünfte, sammelten Gelder für Fahrt- und Gepäckkosten und schmuggelten Wertgegenstände ins Ausland. Noch nach Kriegsbeginn verhalfen sie vielen Menschen zur Flucht, und einzelne Quäker versteckten jüdische Verfolgte. Die britischen und amerikanischen Quäker wurden für ihr Engagement 1947 mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

Die Retter und Helfer, die gegen das Verbot der Kontaktaufnahme zu Juden handelten, konnten mit Gefängnis und Lagerhaft bestraft werden. Ohne Gerichtsverfahren, denn ein Gesetz, das „Judenbegünstigung“ verbot, gab es nicht. Ärzte durften keine kranken Juden behandeln, Fluchtbegleitung in ein Versteck oder ins Ausland wurde geahndet. Zur Rettungsarbeit gehörten gefälschte Pässe anfertigen, eine Unterkunft zur Verfügung stellen, Lebensmittel besorgen, in Netzwerken gemeinsam zur Rettung Verfolgter arbeiten. Circa 300 Personen sind mittlerweile aus Frankfurt (einige wenige aus den umliegenden hessischen Städten) als Gerettete mit Namen bekannt, und eine Geschichte ihrer Rettung ist dokumentiert.

Nach einer Anweisung der hessischen Gauleitung an die Gestapo Frankfurt wurden in einer „Sonderaktion“ ab Oktober 1942 die jüdischen „Mischehepartner“ vorgeladen. Eine Maßnahme die zur Deportation führte und mit der niemand gerechnet hatte. Viele Monate vergingen bis die perfide Praxis einer Vorladung  durchschaut wurde. Kaum einem Angehörigen gelang es, seinen Partner vor der Deportation zu bewahren.

Aus den Erinnerungsberichten der Überlebenden geht hervor, dass auch damals die Frankfurter Bürger ihre jüdischen Nachbarn und Freunde nicht im Stich ließen: 100 ältere weibliche Hausangestellte wollten ihre jüdischen Herrschaften nicht verlassen. Schon 1941 waren sie deshalb der Gauleitung ein Dorn im Auge und unter Androhung von Strafe wurden sie zur Trennung gezwungen. Es gibt einige Schilderungen der geheimen Orte, an denen man sich zur verbotenen Lebensmittelübergabe traf. Einige Frankfurter trauten sich sogar, Pakete in die Ghettos im Osten Europas zu schicken. Viele Rettungsversuche scheiterten durch die Überwachungs- und Bestrafungsmechanismen der Nationalsozialisten bei der Durchsetzung ihrer mörderischen Ziele.

Auswanderungshindernisse 1939 – die Not der Flüchtlinge

Der Einmarsch der deutschen Wehrmacht im März 1938 in Österreich und die Pogrome um den 9. November 1938, bewegten viele Juden – die bis dahin gezögert hatten – dazu, aus dem nationalsozialistischen Einflussgebiet zu flüchten.

„Männer zuerst“ – das „Smallbones-Schema“ des britischen Konsuls in Frankfurt am Main

Einer der wenigen ausländischen Diplomaten, der sich der Notlage der Verfolgten bereits im November 1938 annahm, war der seit 1932 in Frankfurt eingesetzte britische Konsul Robert T. Smallbones.

„Nur heraus, nur heraus“, drängten die britischen Quäker

Seit langem teilten die Quäker die Haltung des britischen Konsuls Smallbones zur schnellen Ausreise aus NS-Deutschland. Sie wollten „eine auf mehrere Jahre sich erstreckende Auswanderung bewirken“.

Außerordentlicher Einsatz und Grenzen der Helfer

Die Quäker als Retter vieler Verfolgter mussten ohnmächtig miterleben, dass auch manche eigenen Mitglieder deportiert wurden.

Deutsch-britische Fluchthilfe – vorbereitet in der Arndtstrasse 51

Mit Phantasie und großem Einsatz verhalfen die britischen Schwestern Ida und Louise Cook vielen Menschen zur Flucht nach England. In der Villa von Prof. Ferdinand Blum, der Arndtstrasse 51, organisierten dessen Töchter Gertrud und Pauline die vorbereitenden Gespräche.

Die Kindertransporte nach Großbritannien 1938/39

Mit den Kindertransporten emigrierten nahezu 10.000 Kinder innerhalb von neun Monaten nach Großbritannien.

Wie ein Lotteriegewinn war die Chance zur Flucht

1939 ein Visum für Großbritannien zu ergattern, glich einem Lotteriegewinn, erinnerte sich Esther Clifford, geborene Ebe später in den USA.

Folgen der Hungerpolitik 1942: „Elend wohin man blickt“

Entgegen der verbreiteten Meinung, das Schicksal der jüdischen Nachbarn und Freunde sei auf Gleichgültigkeit gestoßen, lassen sich zahlreiche Hinweise auf Hilfe bei der Lebensmittelversorgung finden.

Gefahren bei der Rettung: „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant“

„Das Netz der Spione, das Netz der Spitzel war so eng, das kann man sich kaum vorstellen“, schrieb die selbst gefährdete Mile Braach über diese Zeit.

Über den Balkan nach Palästina geflohen

Die illegale Ausreise für Manfred Ehlbaum organisierte Recha Freier, die Gründerin der Jugend-Aliyah in Berlin. Auch Frankfurter Kinder gehörten zu den Geretteten.

Der vorgetäuschte Selbstmord zum Einstieg in das illegale Leben

Mit ihrer Heirat 1938 änderte sich Ernas Familienname. Aus dem jüdischen Hesekiel wurde über den deutschen Ehemann der unverfängliche Name Erna Höhmann. Trotzdem tauchte sie 1941 unter.

Das Wunder von Frankfurt aus der Kaiserhofstraße 12

Für Jahrzehnte galt die Familie von Valentin Senger als die einzige Familie, die in Frankfurt unentdeckt überlebt hatte. Senger schrieb 1978 in seiner Autobiographie „Kaiserhofstraße 12“ zum ersten Mal über den Polizeimeister Otto Kaspar, der ihnen das Leben rettete.

Von guten Freunden begleitet und geschützt

Maria Schaefer – geborene Eberstadt – ließ sich bei ihrer Heirat taufen. Sie besaß den Schutz einer „privilegierten Mischehe“. Doch als früh verwitwete Ehefrau war dieser Schutz 1943 wenig wert.

Als „vermisst“ von der Gestapo registriert

Als „vermisst“ gelten nach Lesart der Frankfurter Gestapo die Menschen, die nach der Bekanntgabe ihres Deportationstermins im Jahr 1942 untertauchten. Mehrheitlich waren es Frauen, die der Gestapo entschlüpften.

Irene Block rettet Maria Fulda: „Ich wusste, was ich tue“

Als Maria Fulda Ende September 1942 deportiert werden sollte, handelte Irene Block spontan. Sie trennte den Stern von Fuldas Mantel ab. Damit begann ein jahrelanges illegales Leben.

Mit dem französischen Widerstand in die Schweiz geflüchtet

Am 20. Mai 1942 erhielten Sally und Hanna Goldschmidt die Aufforderung, sich in der Großmarkthalle zur Abfahrt einzufinden. Beide beschlossen unterzutauchen.

Mit einem Sprung über die Strasse gerettet

Als die Kinderärztin Dr. Sandels 1933 durch die ersten NS-Gesetze ihre ärztliche Kassenzulassung verlor, begann sie Überlebensstrategien zu entwickeln. Im September 1942 flüchtete sie zu ihrer Freundin Margarete Herberg.

Die Schweizer Grenze als Fluchtziel vor Augen

Am 24. September 1942 standen auch die Mitarbeiter des jüdischen Krankenhauses in der Gagernstrasse auf der Liste der zu Deportierenden. Der Arzt Dr. Günther Schneider und die Röntgenassistentin Gertrud Tichauer, entschlossen sich, unterzutauchen.

Misstrauen führt zur Entdeckung

Dina Sonn wurde von ihrem Arbeitsgeber Friedrich Gause in seinen Büroräumen versteckt. Durch eine falsche Beschuldigung waren plötzlich alle Bemühungen zu ihrer Rettung vergeblich.

Eine Widerstandszelle im Frankfurter Polizeipräsidium

Der Kriminal-Beamte Christian Fries hatte eine Widerstandszelle im Frankfurter Polizeipräsidium aufgebaut und bereitete die Flucht des allseits geschätzten Frankfurter Professors Karl Herxheimer und seiner Hausdame Henriette Rosenthal in die Schweiz vor. Ihm zur Seite stand der Gestapo-Beamte Gotthold Fengler.

Rettung durch die französische Résistance

Nicht nur beruflich hatte Genia keine Zukunft mehr im Dritten Reich, auch einer Ehe mit ihrem Schauspielerkollegen Kurt Glass hatten die Nationalsozialisten einen Riegel vorgeschoben. Kurt Glass war dennoch entschlossen, seine Verlobte nicht aufzugeben und floh mit ihr nach Frankreich.

Zuflucht aus Berlin in Frankfurt und Hessen

Vielen Verfolgten boten die Fliegerangriffe die Gelegenheit, sich als Fliegergeschädigte unter einem anderen Namen um Ersatzdokumente zu bemühen und so zu überleben.

Widerstand als RettungsWiderstand: Das Bockenheimer Netzwerk

Ein Pfarrer und ein Arztehepaar informierten als erklärte Gegner der Nationalsozialisten jahrelang die Menschen über die wahren Absichten der Nationalsozialisten. Seit 1942 gelang es dem Ehepaar Kahl, Pfarrer Welke und den Helfern ihrer Gruppe, viele Menschen vor der Deportation zu bewahren, also Rettungs-Widerstand zu leisten.

Ein Zeuge der Vernichtung als Aufklärer für das Ausland

Der junge 23-jährige Robert Eisenstädt aus Hanau floh aus dem Lager Majdanek und berichtete über die Gräueltaten der Nationalsozialisten. Eisenstädt sollte von der Schweiz die Welt über die Mordabsichten der Nationalsozialisten informieren. Sorgfältig wurde seine Flucht vorbereitet.

Mit Zyankali im Dutt auf eine Reise ins Ungewisse

Tuschi Müller erhielt eine Vorladung zur Gestapo, nachdem ihre geflüchtete Schwester Eva nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz erschienen war. In der Waschküche der Blanchardstrasse 22 heckten die Kahls den Plan aus für ihre Flucht nach Österreich oder Ungarn.

Aufnahme in den Niederlanden der „Huitsgenoten uit Duitsland“

Hildegard Graebner erkannte die Gefahr der nationalsozialistischen Rassenpolitik frühzeitig. Noch vor Kriegsbeginn im September 1939 ging sie mit ihrer Tochter Ilse nach Holland. Aber auch dort war sie nach Einmarsch der deutschen Wehrmacht im Mai 1940 nicht mehr sicher.

„Nur der brennende Hass hielt einen aufrecht“

Dr. Carl Rhotert schützte seine Tochter Maya vor den Nachstellungen der NS-Behörden, vor einer Dienstverpflichtung in die Rüstungsindustrie und zuletzt vor der Verhaftung durch die Gestapo.

„Wenn Menschlichkeit über Angst triumphiert“

Im Mai 1944 erhielt Margarete Knewitz eine Vorladung zu einem Verhör zur Gestapo. Um ihre Mutter zu retten, wandte sich ihre Tochter Renate Hilfe suchend an ihre Freundin Erica Ludolph und die wiederum an Pfarrer Welke, der sich der Fluchtvorbereitungen annahm.

Aus dem Gefängnis befreit und untergetaucht

Zu den wenigen Frauen, die aus dem Gefängnis wieder heraus kamen, gehörte Jenny Iller. Ihr Beispiel zeigt, wie schwierig eine von den Angehörigen in die Wege geleitete Entlassung zu organisieren war. Von 80 inhaftierten Frauen, schrieb später eine Entlassene, sei dies nur fünf Frauen gelungen.

Martha Wiroth und ihre Helfer

Bereits Ende 1938 wurde Martha Wiroth denunziert, weil sie mit Juden verkehre und sich staatsfeindlich äußere. Emil Wehrheim kannte sie daher als Regimegegnerin, als er für seine Frau Elisabeth am 22. März 1943 ein Versteck suchte.

Das Schweizer Zollhaus ist die Rettung

Durch seinen Arbeitgeber Kurt Würz gewarnt, hörte Richard Nägler von der Maßnahme der gezielten Vorladungen zur Frankfurter Gestapo. Für die jüdische Ehefrau Edith Nägler bestehe konkrete Gefahr, denn der Gau Hessen-Nassau solle als „judenfrei“ ausgegeben werden.

Der Postausweis als Rettungshelfer

Ein ausgewiesener Rettungshelfer war der Postausweis. Als Ersatzdokument für die damalige Kennkarte genügte sie bei Kontrollen. Manch einer überlebte mit diesem Ersatzdokument.

Vor dem Euthanasietod in Hadamar bewahrt

Als im Sommer 1943 die Anordnung erging besonders Kinder in die Euthanasieanstalt Hadamar einzuweisen, verhinderte der Dienststellenleiter des städtischen Jugendamtes, Theo Walter, mit Hilfe der Caritas die Umsetzung. Mehrere Kinder wurden rechtzeitig in auswärtige Heime oder zu Bauern aufs Land gebracht.

Pakete und Überweisungen als Überlebenshilfe in die Ghettos Lodz, Theresienstadt und Minsk

Sie konnten ihre jüdischen Freunde und Nachbarn nicht immer retten, aber mit Paketen, Wertsachen und Geldüberweisungen versuchten einige Nachbarn das Überleben ihrer Freunde im Ghetto zu ermöglichen.

Untertauchen vor der letzten großen Deportation im Februar 1945

Als die Gestapo auch noch die letzten Juden aus der Stadt deportieren wollte, gelang es noch zahlreichen Verfolgten zu entkommen. In Kellerverstecken in der Stadt und auf dem Land, in zerbombten Häusern und in Gärten fanden sie Unterschlupf.